
85 Jahre nach der Gründungsversammlung von Omanut, bei der Kurt Hirschfeld (1902-1964) als Kunstreferent gewählt wurde, würdigt das Schauspielhaus mit einer Filmpremiere seinen langjährigen Dramaturgen und Direktor. Der Film von Stina Werenfels und Samir beleuchtet mit Originaldokumenten, Interviews und der Erzählung der Tochter Ruth Hirschfeld ein Leben und Wirken unter schwierigen Bedingungen: Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten entwickelte sich das Schauspielhaus Zürich zu einem unter Beobachtung stehenden «Emigranten- theater», das dank der Umsicht von Menschen wie Emil und Emmy Oprecht und deren Freund Kurt Hirschfeld seinen Betrieb und seinen widerständigen Geist auch nach dem Weggang des jüdischen Theaterdirektors Ferdinand Rieser aufrechterhalten konnte. Mit Hirschfelds frühem Tod 1964 wurde eine prägende Figur der Zürcher Kulturszene schnell zu einem «Unbekannten Bekannten», der hinter den grossen Namen wie Dürrenmatt und Frisch, die ihm als Dramatiker viel verdankten, in Vergessenheit geriet.
Nach der 56. ordentlichen Generalversammlung und einem kleinen Imbiss findet die erste Folge der neuen Omanut-Reihe «Young Prophets. Israelische ZHdK-Studenten im Porträt» statt. Der Gitarrist und Kompositionsstudent Rotem Eylam wird sich im Gespräch mit Omanut-Vorstandsmitglied Ronny Spiegel sowie mit eigenen musikalischen Werken und Improvisationen vorstellen.
Der Komponist Yehoshua Lakner ist heute beinahe vergessen, doch Ende der 60er-Jahre war in der Zürcher Presse viel Lobendes über seine Bühnenmusik für das Theater an der Winkelwiese und das Schauspielhaus zu lesen. 1969 erhielt er zudem vom Zürcher Stadtrateinen Preis in Form eines Kompositionsauftrags, was angesichts seiner Vorliebe für «auf dem Tonband komponierte Musik» als fortschrittlicher Entscheid gewertet werden muss. Es gab immer wieder Bestrebungen, dem Werk des 2003 verstorbenen Komponisten ein Forum zu bieten. So wurde ihm 2015 im Zürcher Walcheturm ein abendfüllendes Programm gewidmet, in dessen Mittelpunkt das Werk Segante (1999) für zwei Computer, zwei Bildschirme, Sprecherin und Sprecher stand. Die Einleitung übernahm damals der Musiker Alfred Zimmerlin. Zehn Jahre nach diesem eindrücklichen Anlass wird er erneut das Schaffen des 1924 in Bratislava geborenen Yehoshua Lakner vorstellen. Dieses Mal gemeinsam mit Bruno Spoerri, der bei verschiedenen Gelegenheiten mit Lakner zusammenarbeitete. Neben Filmausschnitten der Aufführung von Segante gibt es ein Live-Konzert mit Bruno Spoerri, der wie Lakner mit seiner frühen Leidenschaft für elektronischeMusik die Schweizer Musiklandschaft bereichert hat.
Dienstag, 21. Oktober 2025, 19.30 Uhr
Daniel Ganzfried wurde als geistreicher Schriftsteller und Journalist für seine kritische Auseinandersetzung mit der Frage des Erinnerns und Erzählens nach Auschwitz bekannt. Sein Roman «Der Absender» (1995) ebenso wie seine Recherchen zum Fall «Wilkomirski» (als Buch «Alias Wilkomirski – die Holocaust-Travestie», 2002) sind Ergebnisse dieser grundlegenden kritischen Reflexion, mit der er sich auch in den öffentlichen Diskurs einbrachte.
Donnerstag, 23. Oktober 2025 19.30 Uhr
Regina Ullmann, Kurt Guggenheim und Jeanne Hersch eint auf den ersten Blick wenig, doch speisten sich die Werke der drei jüdischen Autoren auch aus der Trauer einer verlorenen Liebe.
Bei Charles Guggenheim erinnern viele seiner Figuren an seine schwärmerische Liebe für Eva Welti-Hug, die er so bewegend in seinem Magnum Opus «Alles in Allem», aber auch in vielen anderen seiner Bücher aufscheinen lässt. Sie hat ihm wie als Trost für den Verzicht auf ein gemeinsames Leben ein «Glück im Schaffen» verheissen, das sein langes literarisches Wirken durchaus eingelöst hat.
Omanut hat vom inzwischen aufgelösten Verein für jüdische Kultur und Wissenschaft die schöne Aufgabe übernommen, den Tag des jüdischen Buches jeweils am ersten Sonntag im März zu einem übergeordneten Thema zu veranstalten. Aufgrund der anhaltenden Verunsicherung im Zusammenhang mit der Lage im Nahen Osten und deren Auswirkungen, die bis nach Zürich ausstrahlen, hat sich Omanut für Erzählungen über jüdische Katastrophen entschieden. Zu Beginn soll Arnold Zweigs Roman «De Vriendt kehrt heim», der die Ermordung des jüdischen Dichters, Juristen und Aktivisten Jacob Israël de Haan mit dem arabischen Aufstand von 1929 verbindet, vorgestellt werden. Das 1932 erschienene Buch legt nicht nur die innerjüdischen Spannungen während der Mandatszeit der Briten, sondern auch die Zerrissenheit eines jüdischen Intellektuellen von damals offen. Nur ein Jahr später erschien Heinz Liepmans Roman «Das Vaterland», der auf dramatische Weise die innert kürzester Zeit veränderte politische Lage in Deutschland nach der Machter-greifung der Nationalsozialisten beschreibt. Die sich bereits in diesem Text abzeichnende Vernichtung der Juden wird am Tag des jüdischen Buches mittels eines eindrücklichen und intimen Zeugnisses der in Israel lebenden Lyrikerin und Künstlerin Yvonne Livay-Cholewa beleuchtet. Die soziopolitischen Ver-werfungen nach dem Massaker vom 7. Oktober sind noch keineswegs abzuschätzen. Aber jüdischer Humor hilft erfahrungsgemäss, Schrecknisse auf Distanz zu halten, weshalb ein Programm von Alexander Estis und Alexander Paperny zu «Antisemitismus und andere jüdische Zores» den Tag abrundet. Und am Vorabend soll als Prolog Uri Jitzchak Katz’ wortgewaltiges Werk «Aus dem Nichts kommt die Flut» (2024) aufzeigen, was das Erzählen für ein wunder- und heilsames Mittel ist – auch gegen Katastrophen.
Wie bleiben wir verwurzelt, wenn alles ins Wanken gerät? Die Frage hat die französische Philosophin Simone Weil (1909–1943) zeitlebens umgetrieben. In ihren Schriften hat sich Simone Weil intensiv mit den Mechanismen der Macht, mit Formen der Gewalt sowie der Verführungskraft von Ideologien auseinandergesetzt. In ihrem Werk blickt sie immer wieder in die gewaltsame Vergangenheit, um dadurch die Gegenwart zu erhellen. In Essays wie „Die Ilias oder das Poem der Gewalt“, den Simone Weil Ende der dreissiger Jahre verfasste, entwirft sie mit gnadenloser Klarheit das Szenario des drohenden Terrors. Eine szenische Lesung von Sascha Ö. Soydan in der Regie von Nicole Oder und mit Musik von Heiko Schnurpel lassen das Porträt einer wachsamen Zeitzeugin und kontroversen Denkerin entstehen, die ihr kurzes Leben dem pazifistischen Widerstand und dem politischen Kampf gegen den Faschismus gewidmet hat. «Weil jetzt!» zeigt, wie aktuell die Gedanken Simone Weils heute sind.
Noemi Gradwohl war eine preisgekrönte Moderatorin und Sprecherin. Bei der ersten Ausgabe der SEFERIA verantwortete sie mit viel Charme und Souveränität das Format «Open Mike». In Erinnerung an die viel zu früh verstorbene Radiojournalistin und Schauspielerin, welche sich für die Theater- und Kunstwelt genauso interessierte wie für Kinderliteratur, haben wir eine vielfältige Hommage zusammengestellt.
Shifra Kupermans erster Roman spielt in Basel und erzählt die Geschichte einer Dreiecksbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau, jeder mit seinen eigenen Gedanken, Sehnsüchten und Zielen. Die aus Israel und der Schweiz stammenden Protagonisten sprechen untereinander Deutsch – in einem auf Hebräisch verfassten Text. «Rikud ha-Aviv» ist ein literarisch-philosophischer Tanz zwischen Sprachen und Ländern, zwischen Moderne und Antike, zwischen platonischer Liebe und Erotik. Das Gespräch zwischen drei Personen nimmt die Grundkonstellation und die Vielschichtigkeit des Romans auf: Shifra Kuperman ist nicht nur Autorin, sondern auch Dozentin für Jiddisch; Judith Müller ist Literaturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt moderne hebräische Literatur und Oded Fluss ist Bibliothekar und schreibt Texte rund um das jüdische Buch.
Die Gedichte von Agi Mishol, 1946 in Transsilvanien geboren, sind sehr irdisch, sehr menschlich und ungeschminkt; sie sind im Alltag der Dichterin verankert, die in einem Moschaw in der Nähe von Gedera lebt. Flora und Fauna, der Anbau von Persimonen und Granatäpfeln bestimmen ihre Lyrik, die immer wieder die ethische Position der Verantwortung verhandelt. Ob sie über einen umgepflanzten Olivenbaum schreibt, der für die Entwurzelung der Palästinenser steht, oder von einer zwanzigjährigen Schahidin, die „unterm weiten Kleid schwanger mit Sprengstoff“ geht. Ihre oft humorvollen Gedichte machen trotzdem Hoffnung, denn auch wenn es „unter der Sonne nichts Neues gibt / über ihr vielleicht schon“. Ihren empathischen Blick auf die Welt hat die Übersetzerin Anne Birkenhauer feinfühlig eingefangen. Die Übertragung einer Auswahl von Agi Mishols Lyrik ist dieses Jahr unter dem Titel «Gedicht für den unvollkommenen Menschen» im Hanser Verlag erschienen.
Promoviert wurde Lili Körber Mitte der 1920er Jahre mit einer Arbeit über die Lyrik Franz Werfels. 1930 reiste sie mit Anna Seghers und Johannes R. Becher aus Interesse an den sowjetischen Verhältnissen nach Russland, wo sie 1897 in Moskau als Tochter des aus dem galizischen Tarnow stammenden Kaufmanns Ignaz Körber und dessen polnischer Ehefrau Jeanette geboren wurde. Ihre Erlebnisse beschrieb sie im Buch «Eine Frau erlebt den roten Alltag», das 1932 noch in Deutschland erscheinen konnte. Die folgenden Ereignisse fanden Eingang in die Schrift «Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland», die 1934 bei Richard Lany in Wien publiziert wurde. Nachdem die österreichische Ausgabe 1935 auf den Index kam, erfolgte ein Nachdruck im Verlag der Genossenschaftsbuchhandlung Zürich. Nach dem sogenannten Anschluss floh Lili Körber über Zürich nach Paris. Trotz Neuausgaben einiger ihrer Bücher ist die 1982 im amerikanischen Exil verstorbene Autorin nahezu unbekannt geblieben. Immerhin hat der Wiener Verlag Brandstätter 1988 «Eine Österreicherin erlebt den Anschluss» herausgegeben. Die Vorlage war 1938 im Berner Volksrecht unter dem Pseudonym Agnes Muth als Fortsetzungsroman erschienen.
«Wiedergutmachung» - ein papierenes Wort für die Fortsetzung der Entrechtung der Juden mit anderen Mitteln. So erlebt Nadine Olonetzky den Versuch ihres Vaters, für die erfolgte Enteignung und Inhaftierung, die er selbst und seine Familie erlitt, Entschädigung zu erhalten. Sie erfährt von diesen Vorgängen der Nachkriegszeit erst lange nach dem Ableben des Vaters, was die immer mehr Raum einnehmenden Recherchen umso schmerzlicher und wichtiger machten. Viele Fragen bleiben offen. Und so wie die Gartenpflanzen in den Intermezzi des Buches «Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist» (S. Fischer Verlag, 2024) erblühen und verwelken, verrinnt die Zeit und mit ihr das Wissen um die Untaten. Gut, dass sich Nadine Olonetzky auf behutsame Weise den Ereignissen annähert und die Dinge beim Namen nennt.
Von Dana von Suffrins erfrischendem Humor, ihrer menschlichen Klugheit und feinen Ironie kann man nicht genug bekommen - und auch nicht von ihrem Figurenarsenal: ein Vater, eine Mutter und zwei Schwestern. Nach der Präsentation ihres Erstlings «Otto» (Kiepenheuer & Witsch, 2019) ist die Autorin erneut bei Omanut zu Gast und wird im Gespräch mit dem ZEIT-Redaktor Sascha Chaimowicz neben ihrem neusten Roman «Nochmal von vorne» (Kiepenheuer & Witsch, 2024) ihre eben erschienene Anthologie «Wir schon wieder» (Rowohlt Verlag, 2024) vorstellen. In Dana von Suffrins Beitrag zu den von ihr gesammelten «16 jüdischen Erzählungen» steht wiederum der aus Israel nach Deutschland übersiedelte Vater im Mittelpunkt und das Ende ist unheilvoll. Das Vorwort nimmt die düstere Stimmung bereits vorweg. Darin schreibt Dana von Suffrin, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden schon immer kompliziert, nach dem 7. Oktober gar neurotisch ist und «zuletzt oszilliert es nicht selten zwischen Enttäuschung und Verrat». Es geht an diesem Abend also auch um Zuschreibung von Identität und Jüdisch-Sein in Deutschland heute.
Als der Bariton Marko Rothmüller, der 1932 in Zagreb mit dem Autor Hinko Gottlieb und dem Kaufmann David Spitzer den Kulturverein Omanut gegründet hatte, 1936 ein Engagement ans Zürcher Stadttheater erhielt, konnten seine kroatischen Freunde ihren Aktivitäten noch nachgehen.
Carte Blanche für Mikki Levy-Strasser! Der Bühnenbildner und Kulturveranstalter bespielt zusammen mit dem Choreographen Tomer Zirkilevich einen Tag lang die Beijz und gestaltet einen Raum des Dialogs mit Kunst, Canapés, Drinks und Musik! Alle Communities sind willkommen, von queer bis nicht-queer, von alt bis jung!

85 Jahre nach der Gründungsversammlung von Omanut, bei der Kurt Hirschfeld (1902-1964) als Kunstreferent gewählt wurde, würdigt das Schauspielhaus mit einer Filmpremiere seinen langjährigen Dramaturgen und Direktor. Der Film von Stina Werenfels und Samir beleuchtet mit Originaldokumenten, Interviews und der Erzählung der Tochter Ruth Hirschfeld ein Leben und Wirken unter schwierigen Bedingungen: Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten entwickelte sich das Schauspielhaus Zürich zu einem unter Beobachtung stehenden «Emigranten- theater», das dank der Umsicht von Menschen wie Emil und Emmy Oprecht und deren Freund Kurt Hirschfeld seinen Betrieb und seinen widerständigen Geist auch nach dem Weggang des jüdischen Theaterdirektors Ferdinand Rieser aufrechterhalten konnte. Mit Hirschfelds frühem Tod 1964 wurde eine prägende Figur der Zürcher Kulturszene schnell zu einem «Unbekannten Bekannten», der hinter den grossen Namen wie Dürrenmatt und Frisch, die ihm als Dramatiker viel verdankten, in Vergessenheit geriet.
Nach der 56. ordentlichen Generalversammlung und einem kleinen Imbiss findet die erste Folge der neuen Omanut-Reihe «Young Prophets. Israelische ZHdK-Studenten im Porträt» statt. Der Gitarrist und Kompositionsstudent Rotem Eylam wird sich im Gespräch mit Omanut-Vorstandsmitglied Ronny Spiegel sowie mit eigenen musikalischen Werken und Improvisationen vorstellen.
Der Komponist Yehoshua Lakner ist heute beinahe vergessen, doch Ende der 60er-Jahre war in der Zürcher Presse viel Lobendes über seine Bühnenmusik für das Theater an der Winkelwiese und das Schauspielhaus zu lesen. 1969 erhielt er zudem vom Zürcher Stadtrateinen Preis in Form eines Kompositionsauftrags, was angesichts seiner Vorliebe für «auf dem Tonband komponierte Musik» als fortschrittlicher Entscheid gewertet werden muss. Es gab immer wieder Bestrebungen, dem Werk des 2003 verstorbenen Komponisten ein Forum zu bieten. So wurde ihm 2015 im Zürcher Walcheturm ein abendfüllendes Programm gewidmet, in dessen Mittelpunkt das Werk Segante (1999) für zwei Computer, zwei Bildschirme, Sprecherin und Sprecher stand. Die Einleitung übernahm damals der Musiker Alfred Zimmerlin. Zehn Jahre nach diesem eindrücklichen Anlass wird er erneut das Schaffen des 1924 in Bratislava geborenen Yehoshua Lakner vorstellen. Dieses Mal gemeinsam mit Bruno Spoerri, der bei verschiedenen Gelegenheiten mit Lakner zusammenarbeitete. Neben Filmausschnitten der Aufführung von Segante gibt es ein Live-Konzert mit Bruno Spoerri, der wie Lakner mit seiner frühen Leidenschaft für elektronischeMusik die Schweizer Musiklandschaft bereichert hat.
Dienstag, 21. Oktober 2025, 19.30 Uhr
Daniel Ganzfried wurde als geistreicher Schriftsteller und Journalist für seine kritische Auseinandersetzung mit der Frage des Erinnerns und Erzählens nach Auschwitz bekannt. Sein Roman «Der Absender» (1995) ebenso wie seine Recherchen zum Fall «Wilkomirski» (als Buch «Alias Wilkomirski – die Holocaust-Travestie», 2002) sind Ergebnisse dieser grundlegenden kritischen Reflexion, mit der er sich auch in den öffentlichen Diskurs einbrachte.
Donnerstag, 23. Oktober 2025 19.30 Uhr
Regina Ullmann, Kurt Guggenheim und Jeanne Hersch eint auf den ersten Blick wenig, doch speisten sich die Werke der drei jüdischen Autoren auch aus der Trauer einer verlorenen Liebe.
Bei Charles Guggenheim erinnern viele seiner Figuren an seine schwärmerische Liebe für Eva Welti-Hug, die er so bewegend in seinem Magnum Opus «Alles in Allem», aber auch in vielen anderen seiner Bücher aufscheinen lässt. Sie hat ihm wie als Trost für den Verzicht auf ein gemeinsames Leben ein «Glück im Schaffen» verheissen, das sein langes literarisches Wirken durchaus eingelöst hat.
Omanut hat vom inzwischen aufgelösten Verein für jüdische Kultur und Wissenschaft die schöne Aufgabe übernommen, den Tag des jüdischen Buches jeweils am ersten Sonntag im März zu einem übergeordneten Thema zu veranstalten. Aufgrund der anhaltenden Verunsicherung im Zusammenhang mit der Lage im Nahen Osten und deren Auswirkungen, die bis nach Zürich ausstrahlen, hat sich Omanut für Erzählungen über jüdische Katastrophen entschieden. Zu Beginn soll Arnold Zweigs Roman «De Vriendt kehrt heim», der die Ermordung des jüdischen Dichters, Juristen und Aktivisten Jacob Israël de Haan mit dem arabischen Aufstand von 1929 verbindet, vorgestellt werden. Das 1932 erschienene Buch legt nicht nur die innerjüdischen Spannungen während der Mandatszeit der Briten, sondern auch die Zerrissenheit eines jüdischen Intellektuellen von damals offen. Nur ein Jahr später erschien Heinz Liepmans Roman «Das Vaterland», der auf dramatische Weise die innert kürzester Zeit veränderte politische Lage in Deutschland nach der Machter-greifung der Nationalsozialisten beschreibt. Die sich bereits in diesem Text abzeichnende Vernichtung der Juden wird am Tag des jüdischen Buches mittels eines eindrücklichen und intimen Zeugnisses der in Israel lebenden Lyrikerin und Künstlerin Yvonne Livay-Cholewa beleuchtet. Die soziopolitischen Ver-werfungen nach dem Massaker vom 7. Oktober sind noch keineswegs abzuschätzen. Aber jüdischer Humor hilft erfahrungsgemäss, Schrecknisse auf Distanz zu halten, weshalb ein Programm von Alexander Estis und Alexander Paperny zu «Antisemitismus und andere jüdische Zores» den Tag abrundet. Und am Vorabend soll als Prolog Uri Jitzchak Katz’ wortgewaltiges Werk «Aus dem Nichts kommt die Flut» (2024) aufzeigen, was das Erzählen für ein wunder- und heilsames Mittel ist – auch gegen Katastrophen.
Wie bleiben wir verwurzelt, wenn alles ins Wanken gerät? Die Frage hat die französische Philosophin Simone Weil (1909–1943) zeitlebens umgetrieben. In ihren Schriften hat sich Simone Weil intensiv mit den Mechanismen der Macht, mit Formen der Gewalt sowie der Verführungskraft von Ideologien auseinandergesetzt. In ihrem Werk blickt sie immer wieder in die gewaltsame Vergangenheit, um dadurch die Gegenwart zu erhellen. In Essays wie „Die Ilias oder das Poem der Gewalt“, den Simone Weil Ende der dreissiger Jahre verfasste, entwirft sie mit gnadenloser Klarheit das Szenario des drohenden Terrors. Eine szenische Lesung von Sascha Ö. Soydan in der Regie von Nicole Oder und mit Musik von Heiko Schnurpel lassen das Porträt einer wachsamen Zeitzeugin und kontroversen Denkerin entstehen, die ihr kurzes Leben dem pazifistischen Widerstand und dem politischen Kampf gegen den Faschismus gewidmet hat. «Weil jetzt!» zeigt, wie aktuell die Gedanken Simone Weils heute sind.
Noemi Gradwohl war eine preisgekrönte Moderatorin und Sprecherin. Bei der ersten Ausgabe der SEFERIA verantwortete sie mit viel Charme und Souveränität das Format «Open Mike». In Erinnerung an die viel zu früh verstorbene Radiojournalistin und Schauspielerin, welche sich für die Theater- und Kunstwelt genauso interessierte wie für Kinderliteratur, haben wir eine vielfältige Hommage zusammengestellt.
Shifra Kupermans erster Roman spielt in Basel und erzählt die Geschichte einer Dreiecksbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau, jeder mit seinen eigenen Gedanken, Sehnsüchten und Zielen. Die aus Israel und der Schweiz stammenden Protagonisten sprechen untereinander Deutsch – in einem auf Hebräisch verfassten Text. «Rikud ha-Aviv» ist ein literarisch-philosophischer Tanz zwischen Sprachen und Ländern, zwischen Moderne und Antike, zwischen platonischer Liebe und Erotik. Das Gespräch zwischen drei Personen nimmt die Grundkonstellation und die Vielschichtigkeit des Romans auf: Shifra Kuperman ist nicht nur Autorin, sondern auch Dozentin für Jiddisch; Judith Müller ist Literaturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt moderne hebräische Literatur und Oded Fluss ist Bibliothekar und schreibt Texte rund um das jüdische Buch.
Die Gedichte von Agi Mishol, 1946 in Transsilvanien geboren, sind sehr irdisch, sehr menschlich und ungeschminkt; sie sind im Alltag der Dichterin verankert, die in einem Moschaw in der Nähe von Gedera lebt. Flora und Fauna, der Anbau von Persimonen und Granatäpfeln bestimmen ihre Lyrik, die immer wieder die ethische Position der Verantwortung verhandelt. Ob sie über einen umgepflanzten Olivenbaum schreibt, der für die Entwurzelung der Palästinenser steht, oder von einer zwanzigjährigen Schahidin, die „unterm weiten Kleid schwanger mit Sprengstoff“ geht. Ihre oft humorvollen Gedichte machen trotzdem Hoffnung, denn auch wenn es „unter der Sonne nichts Neues gibt / über ihr vielleicht schon“. Ihren empathischen Blick auf die Welt hat die Übersetzerin Anne Birkenhauer feinfühlig eingefangen. Die Übertragung einer Auswahl von Agi Mishols Lyrik ist dieses Jahr unter dem Titel «Gedicht für den unvollkommenen Menschen» im Hanser Verlag erschienen.
Promoviert wurde Lili Körber Mitte der 1920er Jahre mit einer Arbeit über die Lyrik Franz Werfels. 1930 reiste sie mit Anna Seghers und Johannes R. Becher aus Interesse an den sowjetischen Verhältnissen nach Russland, wo sie 1897 in Moskau als Tochter des aus dem galizischen Tarnow stammenden Kaufmanns Ignaz Körber und dessen polnischer Ehefrau Jeanette geboren wurde. Ihre Erlebnisse beschrieb sie im Buch «Eine Frau erlebt den roten Alltag», das 1932 noch in Deutschland erscheinen konnte. Die folgenden Ereignisse fanden Eingang in die Schrift «Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland», die 1934 bei Richard Lany in Wien publiziert wurde. Nachdem die österreichische Ausgabe 1935 auf den Index kam, erfolgte ein Nachdruck im Verlag der Genossenschaftsbuchhandlung Zürich. Nach dem sogenannten Anschluss floh Lili Körber über Zürich nach Paris. Trotz Neuausgaben einiger ihrer Bücher ist die 1982 im amerikanischen Exil verstorbene Autorin nahezu unbekannt geblieben. Immerhin hat der Wiener Verlag Brandstätter 1988 «Eine Österreicherin erlebt den Anschluss» herausgegeben. Die Vorlage war 1938 im Berner Volksrecht unter dem Pseudonym Agnes Muth als Fortsetzungsroman erschienen.
«Wiedergutmachung» - ein papierenes Wort für die Fortsetzung der Entrechtung der Juden mit anderen Mitteln. So erlebt Nadine Olonetzky den Versuch ihres Vaters, für die erfolgte Enteignung und Inhaftierung, die er selbst und seine Familie erlitt, Entschädigung zu erhalten. Sie erfährt von diesen Vorgängen der Nachkriegszeit erst lange nach dem Ableben des Vaters, was die immer mehr Raum einnehmenden Recherchen umso schmerzlicher und wichtiger machten. Viele Fragen bleiben offen. Und so wie die Gartenpflanzen in den Intermezzi des Buches «Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist» (S. Fischer Verlag, 2024) erblühen und verwelken, verrinnt die Zeit und mit ihr das Wissen um die Untaten. Gut, dass sich Nadine Olonetzky auf behutsame Weise den Ereignissen annähert und die Dinge beim Namen nennt.
Von Dana von Suffrins erfrischendem Humor, ihrer menschlichen Klugheit und feinen Ironie kann man nicht genug bekommen - und auch nicht von ihrem Figurenarsenal: ein Vater, eine Mutter und zwei Schwestern. Nach der Präsentation ihres Erstlings «Otto» (Kiepenheuer & Witsch, 2019) ist die Autorin erneut bei Omanut zu Gast und wird im Gespräch mit dem ZEIT-Redaktor Sascha Chaimowicz neben ihrem neusten Roman «Nochmal von vorne» (Kiepenheuer & Witsch, 2024) ihre eben erschienene Anthologie «Wir schon wieder» (Rowohlt Verlag, 2024) vorstellen. In Dana von Suffrins Beitrag zu den von ihr gesammelten «16 jüdischen Erzählungen» steht wiederum der aus Israel nach Deutschland übersiedelte Vater im Mittelpunkt und das Ende ist unheilvoll. Das Vorwort nimmt die düstere Stimmung bereits vorweg. Darin schreibt Dana von Suffrin, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden schon immer kompliziert, nach dem 7. Oktober gar neurotisch ist und «zuletzt oszilliert es nicht selten zwischen Enttäuschung und Verrat». Es geht an diesem Abend also auch um Zuschreibung von Identität und Jüdisch-Sein in Deutschland heute.
Als der Bariton Marko Rothmüller, der 1932 in Zagreb mit dem Autor Hinko Gottlieb und dem Kaufmann David Spitzer den Kulturverein Omanut gegründet hatte, 1936 ein Engagement ans Zürcher Stadttheater erhielt, konnten seine kroatischen Freunde ihren Aktivitäten noch nachgehen.
Carte Blanche für Mikki Levy-Strasser! Der Bühnenbildner und Kulturveranstalter bespielt zusammen mit dem Choreographen Tomer Zirkilevich einen Tag lang die Beijz und gestaltet einen Raum des Dialogs mit Kunst, Canapés, Drinks und Musik! Alle Communities sind willkommen, von queer bis nicht-queer, von alt bis jung!