Daniel Ganzfried wurde als geistreicher Schriftsteller und Journalist für seine kritische Auseinandersetzung mit der Frage des Erinnerns und Erzählens nach Auschwitz bekannt. Sein Roman «Der Absender» (1995) ebenso wie seine Recherchen zum Fall «Wilkomirski» (als Buch «Alias Wilkomirski – die Holocaust-Travestie», 2002) sind Ergebnisse dieser grundlegenden kritischen Reflexion, mit der er sich auch in den öffentlichen Diskurs einbrachte.
Nun hat Daniel Ganzfried einen neuen Roman mit dem Titel «Erich» vorgelegt, der über diesen Themenbereich hinausgeht. Es ist eine auf den ersten Blick unverfängliche Geschichte: Ein Mann ist losgefahren, um seiner Frau zum Geburtstag ein Pferd zurückzubringen. Er gerät auf Abwege und sieht sich vom flamencogetriebenen Wirbel einer Million andalusischer Marienverehrer eingesogen. Die Einbettung der Handlung in eine christliche Wallfahrt mag bei einem jüdischen Autor allerdings verblüffen.
Was es damit auf sich hat und wo dieser Roman im grösseren Kontext von Ganzfrieds Arbeiten steht, ist Gegenstand eines Gesprächs mit dem Literaturwissenschaftler Andreas Kilcher (ETH Zürich). Darin geht es um Rhythmus, Klang und Sprache, aber auch um die Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Jüdischen in Ganzfrieds Schreiben. Und zudem um sein nächstes Buchprojekt, das von einer kleinen Insel handeln soll, und einem Gerücht über einen riesigen Ozeandampfer voller Flüchtlinge, der Kurs darauf genommen hat.