Alles wird Asche

 

Was ist die grösste Klage? Die grösste Klage ist meine Klage. Die grösste Klage ist die Klage eines Fremden. Die grösste Klage ist die Klage einer Mutter. Die grösste Klage ist die Klage eines Königs. Die grösste Klage ist die Klage eines Erdwurms. Die grösste Klage ist das Geschöpf. Die grösste Klage ist Asche. Die grösste Klage ist eine, die niemand vernimmt. Die grösste Klage ist eine, die verstummt. Die grösste Klage ist eine, die nicht verhallt.

 

Idl nannte so gut wie jeden frayntele. Er war ein wenig a meschiggener, wie man sagte. Idl liebte Pferde und Tauben, liebte sie abgöttisch, lebte mit ihnen. Er hatte einen Taubenschlag, er schuftete mit Pferden. Und er schuftete wie ein Pferd. Er sammelte Altstoff, beförderte Ramsch, schleppte Säcke mit Lumpen.

Aber vor dem Krieg war Idl Schuster gewesen, und was für ein Schuster. Man kannte ihn im Schtetl. Und vielleicht sogar darüber hinaus, fast bis nach Winniza. Vor dem Krieg, als es noch das Schtetl Chmelnik gab. Nach dem Krieg war es nur noch Stadt. 1942 haben die Deutschen dort ein Ghetto eingerichtet. Dort starben mehr als elf Tausend.

Mit den anderen zusammen ersann Idl Klagen, Klagen auf Jiddisch, Klagen über alles, was er sah. Idl sah, wie seine Verwandten untergingen. Auch diese Klagen gingen unter, zusammen mit den Menschen, die sie gesungen hatten. Urgrossvater Nisl, Kutscher. Urgrossmutter Tabl, Hausfrau. Der andere Urgrossvater, Lejbisch, Stellmacher. Urgrossonkel Avrum, Glaser. Grossonkel Mendel, Schneider. Grossonkel Schimon, Geschäftemacher.

Aber Grossonkel Idl, Schuster, überlebte. Er war einer der nützlichen Juden, die man behielt. Er nähte für die Deutschen in der Kommandantur. Dann entkam er und stiess zur Armee. Er war von riesiger Statur, er kehrte als Kriegsheld zurück.

Später heiratete er Bronja, Friseurin. Sie war aus Polen nach Chmelnik geflohen. Wie so viele, die durch die Lande zogen, um bei anderen Juden um Kost, Arbeit und einen Schlafplatz anzuhalten. Man sammelte für sie Geld, Kleidung und Essen. Grossmutter Polja, Lehrerin, sagte, wenn sie zur Arbeit ging: «Sie könnten kommen und um Hilfe fragen, und es wäre nicht gut, wenn sie vor verschlossener Tür stünden.» Wenn das geschah, musste mein Vater die Hausierer suchen und ihnen etwas Geld bringen.

 

Meine Grossmutter Polja hatte überlebt, mein Grossvater Schljoma, mein Vater Nisl, seine Schwester Maja. Das war Zufall. Vor dem Krieg wurde mein Grossvater nach Kiew zu einer Schulung des Zentralkomitees der Partei entsandt. Offenbar wollte man ihn für eine höhere Position vorbereiten. Vor dem Krieg liess man Juden noch zu. Grossvater bildete sich in der Hauptstadt fort, die Familie blieb in Chmelnik. Aber als im Juni 1941 die Sommerferien begannen, machten sie sich nach Kiew auf, um ihn zu besuchen. Es waren nur einige Stunden Zugfahrt. Am Sonntag des 22. Juni wollten sie in den Zoo.

Doch Sonntagmorgen beginnt der Krieg. Wenige Tage später meldet sich Grossvater freiwillig zum Dienst und geht an die Front. Als in Kiew die Bomben fallen, läuft man zum Botanischen Garten. Jemand hatte gesagt, man müsse sich unter Bäumen verstecken. Grossmutter Polja neigt sich schützend über ihre Kinder, oben strahlen die Suchscheinwerfer, flackern die Alarmpatronen, irrlichtern die Bomber.

In einem Schiff setzen sie nach Dnepropetrowsk über. Sie dürfen nichts mitnehmen. Aber sie werden an Bord gelassen, als Angehörige eines freiwilligen Offiziers. Das ist die letzte Möglichkeit zur Flucht. Der Dampfer steht unter Beschuss.

Auf dem Frachtenbahnhof in Dnepropetrowsk steigen sie in einen Zug. Es sind offene Güterwagen, bestimmt für den Kohletransport. Die Menschen sind mit schwarzem Staub bedeckt. Jemand betet. Alles wird Asche. Vielleicht haben wir überlebt, aber vielleicht sind wir Asche geworden, Asche und Schatten und Erinnerung, die keine werden will. Donnerstagmorgen beginnt der Krieg. Als in Kiew die Bomben fallen, steigt Nichte Polja, die Urenkelin von Grossmutter Polja, in den Zug.

 

Was ist das beste Gebet? Der Wille, das ist das beste Gebet. Der Gedanke ist das beste Gebet. Die Trauer ist das beste Gebet. Das Lied ist das beste Gebet. Der Tanz ist das beste Gebet. Der Rauch ist das beste Gebet. Der Mond ist das beste Gebet. Die erste Berührung ist das beste Gebet. Das letzte Stück Brot ist das beste Gebet. Die Völker sind das beste Gebet. Der Tod ist das beste Gebet. Das beste Gebet ist eines, das täglich wiederholt wird. Das beste Gebet ist eines, das nie wiederholt werden muss.