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Franz Kafkas Selbsterfindung im «Brief an den Vater»

Der Kafka-Kenner Andreas Kilcher ordnet ein und
Graziella Rossi sowie Helmut Vogel lesen aus dem Werk

Sphères, Hardturmstrasse 66, 8005 Zürich   
Tickets: 20/15.- für Omanutmitglieder
Anmeldung: omanut@omanut.ch oder 044 915 28 63

Franz Kafka (1883-1924) und Karl Kraus (1874-1936) waren als Autoren überragend und stilbildend, doch vom Charakter her sehr unterschiedlich. Der eine war schüchtern und unsicher und wurde erst nach seinem frühen Tod richtig entdeckt. Der andere verhielt sich arrogant und selbstbewusst und versetzte seine Umgebung mit seiner Feder in Angst und Schrecken. Ihre Biografien hingegen ähneln sich: Sowohl Kafka wie Kraus wurden in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Tschechien als Söhne wohlhabender jüdischer Familien geboren. Sie entwickelten sich zu Meistern der deutschen Sprache und werden bis heute als literarische Genies verehrt. Vor allem aber hatten beide einen dominanten Vater, zu dem sie sich antagonistisch verhielten und der ihren literarischen Weg missbilligte.

In einer Omanut-Doppelveranstaltung anlässlich des 100. Todestages von Franz Kafka und des 150. Geburtstages von Karl Kraus steht die komplexe Beziehung der beiden Autoren zu ihrem Vater im Mittelpunkt. Ausgehend von zwei Briefen an und über ihre Väter, die diese nie erhalten haben, soll das Wesen und das Werk der beiden Autoren ergründet werden.

Kafkas «Brief an den Vater», 1919 höchst wortkräftig geschrieben, aber nie abgeschickt, sondern erst 1952 veröffentlicht, ist ein ebenso bemerkenswertes wie schwieriges Dokument voller Ambivalenzen: Es ist autobiographisch und zugleich literarisch, klärend und zugleich irreführend, verteidigend und zugleich angriffig, aufrichtig und zugleich täuschend. Während es meist vorschnell als sicheres Zeugnis zu Kafkas Biographie zitiert wird, handelt es sich aber tatsächlich um eine literarisch und rhetorisch äusserst gekonnte Selbsterfindung. Wie das Kafka gelang, wird mit Kommentaren ebenso wie mit Auszügen aus dem Brief vor Augen geführt.

Lesung: Graziella Rossi und Helmut Vogel

Andreas Kilcher, geboren 1963 in Basel, promovierte 1996 zur Kabbala und forscht seither mit einem Schwerpunkt zur jüdischen Literatur und Philosophie. Seit 2008 ist er Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der ETH Zürich. Nach seiner Publikation der Zeichnungen Franz Kafkas im Verlag C. H. Beck (2022) erscheint im selben Verlag diesen Mai sein Werk Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit. Zimmermann studierte